Jodie Foster im Gespräch
mit "Eins Live" (21.10.2005)

"Mir war sehr früh klar, dass ich
Privatleben und Business trennen will."
Jodie Foster
Jodie Foster
 
Interview mit Jodie Foster
 

Sie wirkt klein, zierlich, ein feines Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie den Raum betritt. Jodie Foster ist schön ohne eine Schönheit, anziehend ohne sexy zu sein. Jodie Foster ist - Jodie Foster eben. Mit drei Jahren nimmt ihr Bruder sie zum Vorsprechen mit. Und prompt steht die kleine Schwester für etliche Werbespots vor der Kamera. Für ihre Rolle in Martin Scorseses "Taxidriver" bekommt sie mit 16 Jahren die erste Oscarnominierung. Für ihre Rollen in "Angeklagt" und "Schweigen der Lämmer" wird ihr die Trophäe dann auch überreicht. Privat weiß man nicht sehr viel über Jodie Foster, außer, dass sie zwei Kinder hat und angeblich mit einer Frau zusammenlebt. Das hat sie weder bestätigt noch dementiert. Überhaupt hat sie geschafft, was viele ihrer Kollegen in Hollywood für unmöglich halten:

In ihrer über 40-jährigen Karriere hat sie keine Schlagzeilen oder gar Skandale heraufbeschworen. Wie ist das möglich?

Jodie Foster: Mir war sehr früh klar, schon in ganz jungen Jahren, dass ich Privatleben und Business trennen will. Ich wollte kein für die Öffentlichkeit und die Regenbogenpresse inszeniertes Privatleben, ich wollte ein echtes. Das habe ich mit der Hilfe meiner Mutter geschafft. Und das schütze ich, dafür kämpfe ich wie ein Löwe.

Eins Live: Du hast schon als Dreijährige angefangen, bist mit sechs schon Fernsehstar in den Disneystudios geworden. Gibt es irgendwelche Höhepunkte oder Einschnitte in deiner Karriere?

Jodie Foster: "Taxidriver" war ein großer Moment für mich. Erst mit zwölf habe ich richtig realisiert, was es bedeutet, Schauspieler zu sein. Vorher dachte ich, ich sage einfach meinen Text auf und muss irgendwie natürlich wirken. Es war sicherlich nicht das, was ich unbedingt machen wollte, als ich klein war. Eigentlich wollte ich die Schauspielerei danach aufgeben und nur studieren. Aber die Zusammenarbeit mit Robert de Niro hat etwas verändert. Er hat mir vermittelt, dass es meine Verantwortung ist, die Geschichte mit Leben zu füllen, eine Tiefe in das Projekt zu bringen. Ich dachte, ich bin keine gute Schauspielerin. Aber "Taxidriver" hat mir auch zu Selbstbewusstsein verholfen.

Eins Live: Die Schauspielerei lief also weiter, trotzdem hast du studiert. Oder andersherum, die Arbeit in Hollywood war Nebensache. Denn du warst auf der Elite-Uni Yale und hast englische Literatur mit Magna cum laude, also mit Auszeichnung, abgeschlossen. Das klingt nicht nur nach einem intelligenten, sondern auch nach einem sehr ehrgeizigen und wissbegierigen Menschen. Ist es so, dass du dich schnell langweilst?

Jodie Foster: Ich bin ruhiger geworden. Ich stehe seit 40 Jahren vor der Kamera, und es gab Zeiten, da war mir das Filmemachen wichtiger. Ich habe an die 40 Filme gedreht, und bestimmte Sachen muss ich einfach nicht mehr haben. Ich bin in einem Alter, in dem sich die Prioritäten verschieben, ich habe Familie und mein Leben fühlt sich so viel wichtiger an als Kinofilme.

Eins Live: Das Studium war nicht das Einzige, was du neben Hollywood gemacht hast. Du hast auch mal gesungen ...

Jodie Foster: Na, da war ich 15, und ich glaube, das ist ganz normal, dass man viel ausprobiert, wenn man jung ist. Und dass man viele Fehler macht. Im Laufe der Zeit fokussierst du bestimmte Sachen mehr, Sachen, von denen du glaubst, dass du sie kannst. Mein größter Fehler ist wohl, dass ich nicht literarisch arbeite. Das bedauere ich sehr, denn ich liebe Bücher, vor allem Belletristik.

Eins Live: Du hast mit großen Regisseuren und Schauspielern zusammengearbeitet. Robert de Niro, Richard Gere, Martin Scorsese, Jack Nicholson ... Jetzt hast du dich für einen Film mit einem deutschen Regisseur entschieden, der zuvor erst zwei Filme produziert hat. Einer ist quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt worden, weil er keine PR hatte und niemand von dem Film wusste, das war "Eierdiebe". "Tattoo" ist immerhin auf dem Festival in Biberach gelaufen. Bei "Flightplan" hast du gleich einen Tag, nachdem du das Drehbuch erhalten hast, zugesagt. Was hat dich daran überzeugt?

Jodie Foster: Ich habe kein Problem damit, schnelle Entscheidungen zu treffen. Ich habe ein Problem damit, gute Drehbücher zu finden. Ich lese die Bücher sofort und gehöre nicht zu denen, die sie drei Wochen auf dem Schreibtisch liegen lassen.

Eins Live: Aber was hat dich genau an dem Projekt gereizt? War es die Rolle der Kyle Pratt oder die ganze Geschichte?

Jodie Foster: Ich bin mir sicher, dass es eine persönliche Verbindung gibt. Ich spiele eine Frau, die gerade ihren Mann verloren hat und mit ihrer kleinen Tochter Julia von Berlin nach New York fliegt. Mit dem Sarg des Mannes im Gepäck. Eine etwas gruselige Situation. Die Frau ist nervlich schon völlig am Ende, und dann geht sie mit ihrer Tochter an Bord, nickt kurz ein und plötzlich ist Julia verschwunden. Dieses fürchterliche Gefühl: Du drehst dich um, dein Kind ist weg, und du kannst es nicht beschützen. Du denkst, du hast sie vernachlässigt, das kennt wohl jeder Elternteil. Und Kyle ist kein zartes Pflänzchen, sie ist eine sehr patente Frau, die erst einmal allein nach Julia sucht. Natürlich denkt sie, und das sagt auch jeder: "Das Kind kann ja nicht weg sein, es kann sich ja nicht in tausenden Metern Höhe mitten im Flieger in Luft auflösen." Dieses Gefühl, dass etwas rein logisch nicht möglich ist, aber du trotzdem akzeptieren musst, dass das schier Unmögliche, Unvorstellbare passiert ist. Weil dich auch jeder für verrückt erklärt. Dieser Kampf, dass du einerseits alles tust, weil du es nicht glauben kannst, aber irgendwann körperlich und nervlich so am Ende, so verzweifelt bist, dass du kapitulierst, bereit bist, die Situation hinzunehmen. Und dann sitzt du da, in dich gekehrt, und plötzlich bäumt sich etwas in dir auf, und du denkst: "Nein, nein, nein, das kann nicht sein", und du kämpfst weiter. Ich war begeistert, dass ich diesen dramatischen Wandel der Frau darstellen darf, noch dazu nahezu in Echtzeit, wie sie zunächst nüchtern und analytisch versucht, die Situation zu klären und immer hysterischer wird. Durch die Kameraperspektive erlebst du ihren psychischen Wandel. Und das ist großartig.

Eins Live: Und es ist wieder ein Thriller ...

Jodie Foster: Stimmt, ich liebe Thriller. Ich habe schon alles Mögliche gemacht: Komödien, Western, europäische und kleine Independent-Filme, aber Thriller sind etwas ganz Besonderes für mich. Ich liebe es, als Schauspieler die Aufmerksamkeit der Zuschauer über zweieinhalb Stunden aufrecht zu halten. Der Aufbau muss ganz feinfühlig und filigran gestrickt und so gut organisiert sein, dass der Film einen ganz bestimmten Rhythmus bekommt.

Eins Live: Deine Großeltern mütterlicherseits sind Deutsche, und deine Mutter hat dich oft in deutsche Filme mitgenommen, als du klein warst. Jetzt musstest du einen deutschen Satz sprechen in dem Film, was war es?

Jodie Foster: Ist das wirklich notick, noetick, nöttick (versucht das Wort "nötig" irgendwie über die Lippen zu bekommen und lächelt )?

Eins Live: War es durch das Sehen deutscher Filme für dich leichter?

Jodie Foster: Oh nein. Ich spreche fließend französisch, ich spreche ein bisschen spanisch, aber deutsch kann ich gar nicht. Es stimmt, meine Ma hat mich oft mitgenommen, und jetzt hatte ich einen deutschen Regisseur an meiner Seite, und der sagte mir immer: "Sag mal das und das", und dann: "No, no, no, so nicht, mach das noch einmal." Und dann wieder: "No, no, no, so nicht." Das war ganz schön tough.

Eins Live: In Deutschland ist gerade eine Frau zur Kanzlerin gewählt worden. Zum ersten Mal. Hast du davon etwas mitbekommen oder hast du etwas über Angela Merkel erfahren, als du während der Dreharbeiten zu "Flightplan" längere Zeit in Berlin und Leipzig warst?

Jodie Foster: Ich weiß nicht viel über sie, ich habe sie nur im Fernsehen gesehen. Ich habe gehört, dass sie sehr konservativ sein soll, was auch immer das für euch Deutsche bedeutet. Aber vielleicht ist das ja ein Zeichen. Vielleicht gibt es dadurch mehr Möglichkeiten für Frauen, auch in höhere Positionen zu kommen. Ich bin ein absoluter News-Junkie und sehr an Politik interessiert. Meine Freunde und ich schreiben uns E-Mails, in denen wir uns über Politik austauschen. Aber ich könnte niemals, nicht in einer Million Jahren, in die Politik gehen.

Eins Live: Du hast eben gesagt, dass du dich im Laufe deines Lebens mehr und mehr auf bestimmte Dinge konzentrierst und nicht mehr so vieles ausprobierst oder verschiedene Dinge machst. Könntest du dir auch vorstellen, ganz auf die Filmerei zu verzichten?

Jodie Foster: Nein, da würde mir etwas fehlen. Ich liebe es einfach, diese Atmosphäre. Du fährst morgens um halb sechs zum Dreh, es ist kalt, dunkel, ungemütlich, du trinkst Kaffee, trägst Daunenjacken. Diese Gemeinschaft, es ist, als würdest du mit dem Rucksack rumreisen und im Zeltlager campieren ... und jemand sagt: "Ich habe Thunfisch auf dem Sandwich, du kannst die Hälfte haben." Es ist eine ganz besondere Atmosphäre, es ist überhaupt etwas ganz Besonderes, Filme zu machen und mit wirklich nichts Anderem zu vergleichen.

Interview: Susanne Rabsahl (Stand: 21. Oktober 2005)

(Quelle: www.einslive.de)
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