Sie wirkt klein,
zierlich, ein feines Lächeln huscht über ihr Gesicht, als
sie den Raum betritt. Jodie Foster ist schön ohne eine Schönheit,
anziehend ohne sexy zu sein. Jodie Foster ist - Jodie Foster eben.
Mit drei Jahren nimmt ihr Bruder sie zum Vorsprechen mit. Und prompt
steht die kleine Schwester für etliche Werbespots vor der Kamera.
Für ihre Rolle in Martin Scorseses "Taxidriver" bekommt
sie mit 16 Jahren die erste Oscarnominierung. Für ihre Rollen
in "Angeklagt" und "Schweigen der Lämmer"
wird ihr die Trophäe dann auch überreicht. Privat weiß
man nicht sehr viel über Jodie Foster, außer, dass sie
zwei Kinder hat und angeblich mit einer Frau zusammenlebt. Das hat
sie weder bestätigt noch dementiert. Überhaupt hat sie geschafft,
was viele ihrer Kollegen in Hollywood für unmöglich halten:
In ihrer über 40-jährigen Karriere hat sie keine Schlagzeilen
oder gar Skandale heraufbeschworen. Wie ist das möglich?
Jodie Foster: Mir war sehr früh
klar, schon in ganz jungen Jahren, dass ich Privatleben und Business
trennen will. Ich wollte kein für die Öffentlichkeit und
die Regenbogenpresse inszeniertes Privatleben, ich wollte ein echtes.
Das habe ich mit der Hilfe meiner Mutter geschafft. Und das schütze
ich, dafür kämpfe ich wie ein Löwe.
Eins Live: Du hast schon als Dreijährige angefangen, bist mit
sechs schon Fernsehstar in den Disneystudios geworden. Gibt es irgendwelche
Höhepunkte oder Einschnitte in deiner Karriere?
Jodie Foster: "Taxidriver"
war ein großer Moment für mich. Erst mit zwölf habe
ich richtig realisiert, was es bedeutet, Schauspieler zu sein. Vorher
dachte ich, ich sage einfach meinen Text auf und muss irgendwie natürlich
wirken. Es war sicherlich nicht das, was ich unbedingt machen wollte,
als ich klein war. Eigentlich wollte ich die Schauspielerei danach
aufgeben und nur studieren. Aber die Zusammenarbeit mit Robert de
Niro hat etwas verändert. Er hat mir vermittelt, dass es meine
Verantwortung ist, die Geschichte mit Leben zu füllen, eine Tiefe
in das Projekt zu bringen. Ich dachte, ich bin keine gute Schauspielerin.
Aber "Taxidriver" hat mir auch zu Selbstbewusstsein verholfen.
Eins Live: Die Schauspielerei lief also weiter, trotzdem hast du studiert.
Oder andersherum, die Arbeit in Hollywood war Nebensache. Denn du
warst auf der Elite-Uni Yale und hast englische Literatur mit Magna
cum laude, also mit Auszeichnung, abgeschlossen. Das klingt nicht
nur nach einem intelligenten, sondern auch nach einem sehr ehrgeizigen
und wissbegierigen Menschen. Ist es so, dass du dich schnell langweilst?
Jodie Foster: Ich bin ruhiger geworden.
Ich stehe seit 40 Jahren vor der Kamera, und es gab Zeiten, da war
mir das Filmemachen wichtiger. Ich habe an die 40 Filme gedreht, und
bestimmte Sachen muss ich einfach nicht mehr haben. Ich bin in einem
Alter, in dem sich die Prioritäten verschieben, ich habe Familie
und mein Leben fühlt sich so viel wichtiger an als Kinofilme.
Eins Live: Das Studium war nicht das Einzige, was du neben Hollywood
gemacht hast. Du hast auch mal gesungen ...
Jodie Foster: Na, da war ich 15, und
ich glaube, das ist ganz normal, dass man viel ausprobiert, wenn man
jung ist. Und dass man viele Fehler macht. Im Laufe der Zeit fokussierst
du bestimmte Sachen mehr, Sachen, von denen du glaubst, dass du sie
kannst. Mein größter Fehler ist wohl, dass ich nicht literarisch
arbeite. Das bedauere ich sehr, denn ich liebe Bücher, vor allem
Belletristik.
Eins Live: Du hast mit großen Regisseuren und Schauspielern
zusammengearbeitet. Robert de Niro, Richard Gere, Martin Scorsese,
Jack Nicholson ... Jetzt hast du dich für einen Film mit einem
deutschen Regisseur entschieden, der zuvor erst zwei Filme produziert
hat. Einer ist quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt
worden, weil er keine PR hatte und niemand von dem Film wusste, das
war "Eierdiebe". "Tattoo" ist immerhin auf dem
Festival in Biberach gelaufen. Bei "Flightplan" hast du
gleich einen Tag, nachdem du das Drehbuch erhalten hast, zugesagt.
Was hat dich daran überzeugt?
Jodie Foster: Ich habe kein Problem
damit, schnelle Entscheidungen zu treffen. Ich habe ein Problem damit,
gute Drehbücher zu finden. Ich lese die Bücher sofort und
gehöre nicht zu denen, die sie drei Wochen auf dem Schreibtisch
liegen lassen.
Eins Live: Aber was hat dich genau an dem Projekt gereizt? War es
die Rolle der Kyle Pratt oder die ganze Geschichte?
Jodie Foster: Ich bin mir sicher,
dass es eine persönliche Verbindung gibt. Ich spiele eine Frau,
die gerade ihren Mann verloren hat und mit ihrer kleinen Tochter Julia
von Berlin nach New York fliegt. Mit dem Sarg des Mannes im Gepäck.
Eine etwas gruselige Situation. Die Frau ist nervlich schon völlig
am Ende, und dann geht sie mit ihrer Tochter an Bord, nickt kurz ein
und plötzlich ist Julia verschwunden. Dieses fürchterliche
Gefühl: Du drehst dich um, dein Kind ist weg, und du kannst es
nicht beschützen. Du denkst, du hast sie vernachlässigt,
das kennt wohl jeder Elternteil. Und Kyle ist kein zartes Pflänzchen,
sie ist eine sehr patente Frau, die erst einmal allein nach Julia
sucht. Natürlich denkt sie, und das sagt auch jeder: "Das
Kind kann ja nicht weg sein, es kann sich ja nicht in tausenden Metern
Höhe mitten im Flieger in Luft auflösen." Dieses Gefühl,
dass etwas rein logisch nicht möglich ist, aber du trotzdem akzeptieren
musst, dass das schier Unmögliche, Unvorstellbare passiert ist.
Weil dich auch jeder für verrückt erklärt. Dieser Kampf,
dass du einerseits alles tust, weil du es nicht glauben kannst, aber
irgendwann körperlich und nervlich so am Ende, so verzweifelt
bist, dass du kapitulierst, bereit bist, die Situation hinzunehmen.
Und dann sitzt du da, in dich gekehrt, und plötzlich bäumt
sich etwas in dir auf, und du denkst: "Nein, nein, nein, das
kann nicht sein", und du kämpfst weiter. Ich war begeistert,
dass ich diesen dramatischen Wandel der Frau darstellen darf, noch
dazu nahezu in Echtzeit, wie sie zunächst nüchtern und analytisch
versucht, die Situation zu klären und immer hysterischer wird.
Durch die Kameraperspektive erlebst du ihren psychischen Wandel. Und
das ist großartig.
Eins Live: Und es ist wieder ein Thriller ...
Jodie Foster: Stimmt, ich liebe Thriller.
Ich habe schon alles Mögliche gemacht: Komödien, Western,
europäische und kleine Independent-Filme, aber Thriller sind
etwas ganz Besonderes für mich. Ich liebe es, als Schauspieler
die Aufmerksamkeit der Zuschauer über zweieinhalb Stunden aufrecht
zu halten. Der Aufbau muss ganz feinfühlig und filigran gestrickt
und so gut organisiert sein, dass der Film einen ganz bestimmten Rhythmus
bekommt.
Eins Live: Deine Großeltern mütterlicherseits sind Deutsche,
und deine Mutter hat dich oft in deutsche Filme mitgenommen, als du
klein warst. Jetzt musstest du einen deutschen Satz sprechen in dem
Film, was war es?
Jodie Foster: Ist das wirklich notick,
noetick, nöttick (versucht das Wort "nötig" irgendwie
über die Lippen zu bekommen und lächelt )?
Eins Live: War es durch das Sehen deutscher Filme für dich leichter?
Jodie Foster: Oh nein. Ich spreche
fließend französisch, ich spreche ein bisschen spanisch,
aber deutsch kann ich gar nicht. Es stimmt, meine Ma hat mich oft
mitgenommen, und jetzt hatte ich einen deutschen Regisseur an meiner
Seite, und der sagte mir immer: "Sag mal das und das", und
dann: "No, no, no, so nicht, mach das noch einmal." Und
dann wieder: "No, no, no, so nicht." Das war ganz schön
tough.
Eins Live: In Deutschland ist gerade eine Frau zur Kanzlerin gewählt
worden. Zum ersten Mal. Hast du davon etwas mitbekommen oder hast
du etwas über Angela Merkel erfahren, als du während der
Dreharbeiten zu "Flightplan" längere Zeit in Berlin
und Leipzig warst?
Jodie Foster: Ich weiß nicht
viel über sie, ich habe sie nur im Fernsehen gesehen. Ich habe
gehört, dass sie sehr konservativ sein soll, was auch immer das
für euch Deutsche bedeutet. Aber vielleicht ist das ja ein Zeichen.
Vielleicht gibt es dadurch mehr Möglichkeiten für Frauen,
auch in höhere Positionen zu kommen. Ich bin ein absoluter News-Junkie
und sehr an Politik interessiert. Meine Freunde und ich schreiben
uns E-Mails, in denen wir uns über Politik austauschen. Aber
ich könnte niemals, nicht in einer Million Jahren, in die Politik
gehen.
Eins Live: Du hast eben gesagt, dass du dich im Laufe deines Lebens
mehr und mehr auf bestimmte Dinge konzentrierst und nicht mehr so
vieles ausprobierst oder verschiedene Dinge machst. Könntest
du dir auch vorstellen, ganz auf die Filmerei zu verzichten?
Jodie Foster: Nein, da würde
mir etwas fehlen. Ich liebe es einfach, diese Atmosphäre. Du
fährst morgens um halb sechs zum Dreh, es ist kalt, dunkel, ungemütlich,
du trinkst Kaffee, trägst Daunenjacken. Diese Gemeinschaft, es
ist, als würdest du mit dem Rucksack rumreisen und im Zeltlager
campieren ... und jemand sagt: "Ich habe Thunfisch auf dem Sandwich,
du kannst die Hälfte haben." Es ist eine ganz besondere
Atmosphäre, es ist überhaupt etwas ganz Besonderes, Filme
zu machen und mit wirklich nichts Anderem zu vergleichen.
Interview: Susanne Rabsahl (Stand: 21. Oktober 2005)
(Quelle: www.einslive.de)
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