| Ricore: Mrs.
Foster, der Verband professioneller Flugbegleiter rief zum weltweiten
Boykott Ihres Filmes auf, weil Sie Stewards mit unhöflichem und
teilnahmslosem Verhalten portraitieren. Wie ist Ihre Sicht der Dinge?
Jodie Foster: "Flightplan"
ist ein Genre-Film, ein Thriller, von dem wir nicht im Geringsten
behaupten, dass er die Luftfahrtindustrie glaubwürdig portraitiert.
Allein durch die Ausgangslage dürfte doch jedem einleuchten,
dass wir hier nicht die reale Welt zeigen. Wir gehen davon aus,
dass jemand in ein Flugzeug einsteigt und niemand etwas von seinem
Kind mitbekommt - trotz Passkontrollen und voll besetzten Passagierreihen.
Klar ist das etwas utopisch. Unser Film ist deshalb als eine Art
fiktive Welt zu sehen, in der wir vor allem eines erzeugen wollen:
Spannung.
Ricore: Dennoch behandeln Sie durchaus aktuelle
Probleme und Themen: Die Angst vor Terroristen zum Beispiel oder
die oftmals grundlose Furcht, wenn mit uns Araber in einen Flieger
einsteigen.
Jodie Foster: "Flightplan"
ist ganz klar ein Film über die Welt nach dem 11. September.
Dabei hat es vorschnelle Rassenkategorisierungen aber schon immer
gegeben, nicht nur in den USA. Ein einfaches Beispiel: Sie sind
weiblich, gehen durch eine dunkle Gasse und plötzlich kommen
Ihnen zwei Farbige entgegen. Was tun Sie? Wechseln Sie auf die andere
Straßenseite? Wir alle haben diese Urängste, egal wie
stark die Völker mittlerweile durch die Globalisierung zusammengewachsen
sind.
Ricore: In "Flightplan" spielen Sie diese
Angst mit gewohnt brillanter Intensität. Wie fühlen Sie
sich in Ihre Rollen ein?
Jodie Foster: Ich
war nie auf einer Filmschule. Ich wäre mit Sicherheit nicht
Schauspielerin geworden, wenn ich es nicht schon meine ganze Kindheit
über gemacht hätte. Eigentlich bin ich niemand, der durch
die Welt geht und sein Herz sofort jedem öffnet. Ich bin ziemlich
reserviert, was Gefühle angeht - und gerade deswegen fällt
mir das Schauspielen alles andere als leicht. In diesem Zusammenhang
finde ich es interessant, dass Deutschland immer ein besonderer
Ort für meine Filme war. Insbesondere "Nell" hat
in Deutschland mehr Interesse geweckt als in anderen Ländern.
Vermutlich, weil ich der deutschen Mentalität sehr nahe bin.
Die Deutschen sind ja emotional auch eher zurückhaltend.
Ricore: Gibt es denn eine typische Jodie-Foster-Rolle,
zu der Sie immer wieder zurückkommen?
Jodie Foster: Ich
denke schon. Oft spiele ich in unterschiedlicher Ausprägung
immer denselben Typ Mensch: Eine Frau, die alleine steht und sich
nirgends zugehörig fühlt. Über vielen meiner Rollen
liegt deshalb auch eine Art Trauerschleier. Oft passt in meinem
Film die persönliche Erfahrung, die jemand durchmacht, nicht
wirklich zu der Welteinstellung der anderen.
Ricore: Wenn man Sie so reden hört, wird man
die Vermutung nicht los, dass es zwischen Ihnen und Ihrem Rollentyp
durchaus Parallelen gibt.
Jodie Foster: Vermutlich.
Allerdings werde ich Ihnen heute nicht offenbaren, wer die wirkliche
Jodie Foster ist. Ich kann mich zum Beispiel in Kyle, der Mutter
in "Flightplan", wieder erkennen. Im Fall der Fälle
würde ich vielleicht ähnlich reagieren.
Ricore: Sie selbst haben eine siebenjährige
Tochter (seit wann hat Jodie Foster eine siebenjährige Tochter?
Ihre Söhne heißen Kit und
Charles - Anm. d. Redaktion). Hat
das Ihre Art zu spielen beeinflusst?
Jodie Foster: Ich
habe schon vor der Geburt meiner Tochter viele Mütter gespielt.
Allerdings spüre ich seit ihrer Geburt eine neue Form der Bindung,
die ich nicht erklären kann. Die Erfahrung wirkt sich sicherlich
auf die Intensität aus, mit der ich solche Rollen spiele.
Ricore: Nun sind Sie seit mehreren Jahrzehnten im
Geschäft, und obwohl Sie regelmäßig arbeiten, werden
die Intervalle zwischen Ihren Filmen immer größer. Ist
die Familie der Hauptgrund für diese Freiräume?
Jodie Foster: Ja.
Ich habe vier Filme am Stück gedreht, als ich zwölf Jahre
alt war. Ich habe dieses Leben gelebt und brauche es einfach nicht
mehr. Anstelle der Arbeit ist etwas anderes getreten. Mein neuer
Alltag ist prall gefüllt, und ich will nichts von dem verpassen.
Ich will nicht, dass eine Babysitterin mein Leben lebt. Es muss
sich schon um ein wirklich gutes Drehbuch handeln, dass ich gewillt
bin, das alles eine Zeitlang hinter mir zu lassen.
Ricore: Viele weibliche Hollywoodstars beklagen
sich darüber, dass mit zunehmendem Alter die Rollenangebote
dünner werden. Sie haben damit keine Probleme?
Jodie Foster: Aber
natürlich! Auch ich bekomme weniger angeboten. Überhaupt
sind die Vierziger für jede Frau eine schwierige Zeit. Auch
in privater Hinsicht. Man verändert sich nicht mehr großartig,
die Kids sind noch nicht erwachsen und irgendwie steht man zwischen
den Stühlen. Was die Karriere angeht, so ist diese Zeitspanne
wie eine Wartezeit zwischen jungen und reifen Rollen. Allerdings
kommt mir zugute, dass ich nie das typische Bond-Girl war und mir
auf Teufel komm raus dieses Image halten muss. Ich habe auch zwischen
meinem sechzehnten und vierundzwanzigsten Lebensjahr den schwierigen
Übergang vom Kinderstar zum ernst zunehmenden Schauspieler
geschafft. Ich sehe dem allen also eher gelassen entgegen.
Ricore: Wo genau liegt für Sie noch die Herausforderung?
Jodie Foster: Zum
einen will ich nur noch mit Regisseuren drehen, die ich wirklich
bewundere. Ich habe festgestellt, dass ich auch bei einem guten
Drehbuch keine Höchstleistung bringen kann, wenn ich den Regisseur
für einen Idioten halte. Dafür muss ich mich ihm viel
zu sehr öffnen. Ich will Visionären wie Jean-Pierre Jeunet
oder Spike Lee über die Schulter schauen und etwas dazulernen.
Zum anderen freue ich mich tierisch auf mein Alterwerk. Die Rollen,
die man im hohen Alter bekommt, können irrsinnig interessant
sein. Ich denke, dass ich meine Karriere später in eine völlig
neue Richtung treiben werde, die ich heute Kraft meiner Statur und
meines relativ jungen Gesichtes noch nicht spielen kann.
Ricore: Was genau hat Sie dazu bewogen, in einem
Ihrer nächsten Filme die umstrittene deutsche Künstlerin
Leni Riefenstahl zu spielen,
die wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus bis zu ihrem Tod
im Kreuzfeuer der Kritik stand?
Jodie Foster: Ich
spiele fast nie biografische Rollen, und diese erschien mir eine
ganz besonders schwierige Herausforderung. Leni Riefenstahl ist
eine herausragende Persönlichkeit. Sie war auch Jahrzehnte
nach der NS-Zeit nicht in der Lage, Bedauern für das auszudrücken,
was passiert war. Und gleichzeitig war sie bis kurz vor ihrem Tod
mit 101 Jahren noch so smart, gewitzt und clever, wie man es selten
bei Menschen dieses Alters sieht. Der Film wird mit Sicherheit kontrovers,
und ich bin auf Kritik von allen Seiten eingestellt. Aber damit
kann ich leben.
31. Okt 2005 - Johannes Bonke/Ricore Text (im
Berliner Luxushotel Adlon)
Quelle: http://www.filmreporter.de
|