Jodie Foster im Gespräch mit
Nordkurier über "Die Fremde in dir"

"Ich liebe den deutschen Titel.
Ich glaube, er wird dem Film wirklich gerecht."
The Brave One
Jodie Foster
 
Interview mit Jodie Foster
 


Mit vierzehn wurde sie zum ersten Mal für den Oscar nominiert, inzwischen nennt sie zwei der begehrten Trophäen ihr Eigen: Jodie Foster (44) gehört als Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin zur ersten Garde Hollywoods. Vor der Kamera macht sich die zweifache Mutter vergleichsweise rar, sie dreht nur einen Film pro Jahr. Zuletzt sah man sie in den Thrillern „Inside Man“ und „Flightplan“. In Neil Jordans Thrillerdrama „Die Fremde in Dir“ spielt Foster die Radiomoderatorin Erica Bain, die nach einem traumatischen Gewalterlebnis als selbsternannte Ordnungshüterin New Yorks Ganoven dezimiert

Mrs. Foster, was hat Sie dazu bewogen, diese kontroverse Rolle anzunehmen?

Ich liebe diese Geschichte. Im Originaldrehbuch hatte meine Figur allerdings noch wenig Tiefe. Trotzdem bekam ich dieses Thema nicht mehr aus meinem Kopf. Wenn man das Genre des Rachefilmes betrachtet, reichen dessen Motive bis zur griechischen Tragödie zurück. Ich könnte sofort vierzig Filme aufzählen, die in diesem Genre angesiedelt sind, dazu etliche Stücke und literarische Werke. Die Menschheit beschäftigt sich seit ewigen Zeiten mit dieser Frage.

Ist es Ihnen schwer gefallen, in die Rolle dieser Frau zu schlüpfen?

Ich mag Dramen. Ich drehe sie gern und ich schaue sie gern an. Dafür lebe ich. Ich habe mich auch auf dem Feld der Komödie und des Abenteuerfilms ausprobiert, aber mein Herz gehört dem Drama. Diese Filme haben mein Leben verändert. Ich mag den Prozess, der in Gang gesetzt wird, wenn man über eine solche Geschichte nachzudenken beginnt, von ihr besessen wird. Ich spiele starke Frauen. Ich weiß nicht, ob ich jemals eine schwache Frau gespielt habe. Ich finde es nicht so schrecklich interessant. Ehrlich gesagt wüsste ich auch gar nicht, wie das geht.

Sind Sie selbst stark?

Ich glaube, auf gewisse Weise schon. Ich bin nicht sonderlich mutig, aber ich gehe furchtlos an meine Arbeit heran.

In welcher Beziehung haben Dramen Ihr Leben verändert?

Als ich vierzehn war, habe ich zum ersten Mal „Die durch die Hölle gehen“ gesehen. Dieser Film hat mich umgehauen, Filme mit einer solchen Wahrhaftigkeit wollte ich auch machen. Später hat „Das Piano“ mein Leben umgekrempelt. Man hat die Möglichkeit, in eine Figur einzutauchen und das Publikum gleichsam zu zwingen, einem in das Innere der Antiheldin zu folgen. Man zeigt den Menschen Dinge, in denen sie sich wieder erkennen und die sie möglicherweise beschämen. Ich war noch nie so glücklich. Ich hatte das Gefühl, an etwas Bedeutungsvollem mitzuwirken.

Hätten Sie „Die Fremde in Dir“ vor zehn Jahren gemacht?

Eine gute Frage. Alles was man tut, unterliegt einer Entwicklung. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für moralische und ethische Fragen interessiert. Mit zunehmendem Alter teilt man die Welt nicht mehr so schnell in schwarz und weiß, gut und böse. Man begibt sich in die Grauzonen und denkt weniger jugendlich unbeschwert. Deshalb stellen meine Filme zunehmend düstere Fragen über moralische Belange.

Haben Sie durch die Arbeit an diesem Film etwas hinzugelernt?

Ja. Traditionell tun Frauen solche Dinge nicht. Wenn ihnen Missbrauch und Gewalt widerfahren, vergraben sie das in sich. Vielleicht werden sie zu Alkoholikerinnen, misshandeln ihre Kinder oder erschießen ihren Ehemann. Aber sie töten keine Fremden. In Ericas Fußstapfen zu stehen und zu sagen, ich will kein Opfer mehr sein, ich lasse mich nicht zerstören, eher zerstöre ich dich – das war so erstaunlich befriedigend. Ich glaube, dass das viele Frauen nachvollziehen können, wenn sie den Film sehen und diese Macht entdecken, von deren Existenz sie nichts wussten, weil man uns stets das Gegenteil predigt. Wenn ich am Ende sage: „Ich will meinen Hund zurück!“, dann ist das bösartig und schrecklich. Aber ich kann ihnen gar nicht sagen, wie befriedigend das war. Ich bin mir sicher, viele Frauen würden so etwas gern einmal sagen.

Inwiefern ist der Film ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft?

Dieser Film kommentiert die sozialen Verhältnisse in einem New York nach dem 11. September. Der Time Square ist wie Disneyland, alles ist wunderschön und an jeder Ecke steht ein Polizist. Es ist ein sicherer Platz. Aber woher kommt diese unterschwellige Angst, unsere Befürchtung, in jeder Minute könnte etwas Schreckliches geschehen? Angst frisst sich in dich hinein und verwandelt sich schließlich in Wut. Erica hat sich selbst nie für ängstlich gehalten. Und wenn sie schließlich von der Angst berührt wird, stellt sie fest, dass sie sie schon lange in sich trug. Der Film sagt viel über die amerikanische Psyche aus. Wir stellen uns unseren Problemen mit Waffen.

Sie haben in einem Interview gesagt, niemand sollte Waffen tragen.

Ja, das ist meine Meinung. Es braucht weniger Energie, eine Pistole abzufeuern, als einen Bleistift aufzuheben. Das Tier Mensch ist nicht dazu geschaffen, seine Gefühle zu jeder Zeit hundertprozentig unter Kontrolle zu haben. Diese emotionale Seite macht doch gerade das Schöne an uns Menschen aus. Ich glaube nicht, dass ein Instrument mit einer solchen Macht in die Hände eines fühlenden menschlichen Wesens gehört.

Befürchten Sie nicht, dass Teile des Publikums falsche Signale empfangen könnten?

Es ist ein anspruchsvoller Film in einem wenig anspruchsvollen Genre, das fand ich aufregend. Es ist meine Art Film: ein Mainstreamfilm, der die Grenzen überschreitet und einen intellektuellen Diskurs auslöst. Man geht nach Hause, spricht darüber und ist in mancher Beziehung ganz anderer Meinung. Schon bei „Taxi Driver“, „Angeklagt“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ hat man sich über die Reaktionen des Publikums Sorgen gemacht. Man kann den Menschen nicht vorschreiben, wie sie einen Film aufzunehmen haben. Manchmal entschließt man sich dazu, die Zuschauer in eine Figur schlüpfen zu lassen, ohne dass sie moralisierende Sprechblasen über ihrem Kopf trägt, die sagen, was man denken soll. Man lässt den Zuschauer einfach an einer Erfahrung teilhaben.

Wie halten Sie selbst Ihre Aggressionen im Zaum?

In mir steckt kein Funken Wut. Erica unterdrückt solche Gefühle. Die Pistole in der Tasche lässt sie sich besser fühlen. Eine Waffe verändert dein Auftreten, die Art wie du gehst, wie du sprichst und wie du die Welt wahrnimmst. Auf eine seltsame Weise ermöglicht sie dir, an der Gesellschaft teilzuhaben. Sie nimmt dir die Angst. Andererseits bringt sie dich von der Sekunde an, in der du sie einsteckst, in Situationen, die zu Gewalt führen. Mit einer Waffe nimmt die Schraube der Gewalt ihren Anfang. Bei der ersten Schießerei im Film ist es Selbstverteidigung. Man denkt sich, dass man wahrscheinlich ebenso gehandelt hätte. Beim zweiten Mal fragt man sich, warum sie nicht einfach die Polizei ruft. In der U-Bahn hätte sie dreimal die Möglichkeit, den Wagon und damit den Gefahrenherd zu verlassen. Sie bleibt. Sie begibt sich tiefer und tiefer in die Grauzone, bis das Publikum – hoffentlich – sagt, nein, das geht zu weit. Oder nicht? Man muss sich der eigenen Monstrosität stellen.

Hatte Ericas Leben schon vor dem traumatischen Erlebnis Defizite?

Es ist bezeichnend, wenn sie sagt, sie sei kein Gesicht, sie sei nur eine Stimme. Es zeigt, dass sie sich völlig entfremdet hat, vom Leben abgeschnitten ist. Ihre einzige, verzweifelte Verbindung zu unserer Welt hält sie durch den Mann an ihrer Seite, der eine starke Körperlichkeit hat. Wenn dieser Körper plötzlich nicht mehr da ist, ist sie ein Nichts, sie wird zu einem Geist.

Der Film trägt den Originaltitel „The Brave One“ (Die Tapfere). Ist sie das wirklich?

Es ist ein seltsamer Titel. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich ganz verstehe. Wir haben viele Diskussionen darüber geführt. Ich liebe den deutschen Titel. Ich glaube, er wird dem Film wirklich gerecht.

Nach dem Vietnam-Krieg wurden viele Rachefilme gemacht, während des Irak-Kriegs lässt sich wieder eine solche Häufung erkennen.

Deshalb ist der Vergleich oder der Kontrast zwischen „Taxi Driver“ und unserem Film so interessant. Neil Jordan hasst Vergleiche, Scorsese ist ja auch der größte lebende Filmemacher. Ich finde es trotzdem interessant, diese beiden Filme gegenüberzustellen. Travis Bickle kommt in „Taxi Driver“ aus Vietnam zurück in ein apokalyptisches New York. Es gibt Kinderprostituierte und auf den Straßen werden Drogen konsumiert, die Gebäude verfallen. Er hat den Impuls, Gott zu spielen und aufzuräumen. Da drüben hat er es nicht geschafft, vielleicht kann er es hier richten.

Erica ist ganz anders, intellektuell, gebildet, eine Frau. Das wirkt noch verstörender.

Es ist eine andere Zeit. Das Amerika nach dem 11. September ist ein ganz anderes als das Amerika nach Vietnam. In New York City mussten wir alle den 11. September durchmachen. Seither ist hier nichts Schlimmes mehr passiert. Aber diese Angst ist sehr destruktiv, dieser kontinuierliche „Orange Alarm“. Man fürchtet immer, dass sich etwas Schreckliches ereignen könnte, aber man weiß nicht genau, was.

Sind Sie noch an dem Leni-Riefenstahl-Projekt interessiert?

Ja. Ich arbeite daran. Und ich weiß, dass ich langsam bin. Diese Geschichte wirft grundlegende moralische Fragen auf. Die Frage nach der Verantwortung hört nicht bei Gesetzen auf. Eigentlich war sie für nichts verantwortlich, Sie war weder Mitglied der Nazipartei noch Hitlers Geliebte. Sie hat keine Bombe geworfen. Umso interessanter ist es, die Frage nach der Verantwortlichkeit eines Künstlers zu stellen.

Werden Sie Regie führen?

Nein, für diesen Film suche ich einen besseren Regisseur, als ich es bin. Ich weiß nicht, ob ich reif genug wäre, einen solchen Film zu inszenieren. Ich kenne meine Grenzen. Ich werde sie spielen und ich hoffe, dass wir in Berlin drehen werden. Ich möchte gern einen europäischen Film machen, schließlich bin ich mit dem europäischen Kino aufgewachsen. Meine Mutter hat mich in jeden Film mitgenommen. Ich liebe die französische Nouvelle Vague. Wir haben italienische, osteuropäische und deutsche Filme angeschaut, eigentlich alles, was wir in Los Angeles kriegen konnten. Deshalb habe ich im filmischen Bereich eine eher europäische Sensibilität ausgeprägt.


Jodie Foster im Gespräch mit André Wesche / Nordkurier

(Quelle: www.nordkurier.de)
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