Jodie
Foster lacht, wenn man sie als "tough cookie" bezeichnet.
Die 44-Jährige ist eine der begehrtesten, talentiertesten und
anspruchsvollsten Schauspielerinnen in Hollywood. Foster, die eine
Schule in Frankreich besuchte, ihre Filme selbst auf französisch
synchronisiert und die Marseillaise besser kennt als die amerikanische
Nationalhymne, war an zahlreichen Meilensteinen der Filmgeschichte
beteiligt. Martin Scorsese besetzte sie in zwei seiner Meisterwerke,
"Taxi Driver" und "Alice lebt hier nicht mehr",
und in "Das Schweigen der Lämmer" nahm sie es als
Erste mit Hannibal Lecter auf. Nun ergründet Jodie Foster in
"Die Fremde in Dir" (Kinostart: 27. 09.) die Psyche eines
traumatisierten Gewaltopfers, die zur erbitterten Kämpferin
gegen das vermeintlich Böse im urbanen Moloch avanciert. Im
Interview ist Jodie Foster hingegen gut gelaunt, putzt ihre Brille
unkonventionell mit dem Tischtuch und versucht mit lauter Stimme
ihren knurrenden Magen zu übertönen.
Produzent Joel Silver behauptet, "Die Fremde in Dir" sei
ein waschechter Actionfilm. Hat er Recht damit?
Jodie Foster: Ich möchte ihm nicht allzu deutlich widersprechen,
schließlich funktioniert der Film auf mehreren Ebenen. Es
ist auf jeden Fall eine sehr anspruchsvolle Geschichte, die viele
Fragen aufwirft und das Publikum sicherlich lange beschäftigen
wird. Gefühle wie Rache und Scham werden auf einem sehr authentischen
Level angesprochen, was den Zuschauern natürlich Reaktionen
aus dem Bauch heraus abringt.
Würden Sie selbst in der Dämmerung
durch den New Yorker Central Park laufen?
Jodie Foster: Absolut. New York ist mittlerweile, statistisch gesehen,
die sicherste Metropole der Welt. Aber natürlich kümmert
das denjenigen wenig, der zu den wenigen gehört, die trotzdem
Gewalt erfahren oder dadurch geliebte Menschen verlieren. Genau
das ist es, was den Film so nachdenklich macht: Alles ist so sauber
und sicher in dieser Stadt, überall sind Polizisten, und doch
herrscht eine Atmosphäre der Angst. Woher kommt das? Diese
Angst frisst dich am lebendigen Leib, das ist zurzeit der Stand
der amerikanischen Psyche.
Wie denken Sie selbst über Selbstjustiz?
Jodie Foster: Meinem Filmcharakter Erica geht es nicht um die Lust
an der Rache. Sie ist eine Getriebene und glaubt, dass es richtig
ist, was sie macht. Gleichzeitig möchte sie gefasst werden,
weil ihr das einen Teil von sich selbst zurückgeben könnte.
Sie ist eins geworden mit dieser merkwürdigen Fremden, die
sich ihrer bemächtigt hat. Ich selbst glaube, dass unser Rechtssystem
zwar nicht perfekt ist. Aber trotzdem haben wir nur das eine System,
um Recht zu sprechen und sollten es anwenden.
Können Sie verstehen, wieso Zuschauer
in den USA bei manchen Szenen des Films gelacht und applaudiert
haben?
Jodie Foster: Ja, das habe ich mitbekommen. Ich unterstütze
das auch irgendwie, weil es zeigt, dass sich das Publikum mit meiner
Figur identifiziert. Es wird in gewisser Weise befriedigt, wenn
sich Erica rächt. Als Frau ist es allerdings höchst ungewöhnlich,
wie sie reagiert. Eigentlich fressen Frauen Kummer und traumatische
Erlebnisse in sich hinein, verfallen dem Alkoholismus, schlagen
ihre Kinder, lassen ihren Frust am Ehemann aus, also an allem, was
sie lieb und gerne haben. Hier sagt aber eine Frau, dass sie sich
nicht aufgeben will und zurückschlägt. Das ist eine Seite
an uns, die wir zwar erahnen, zu der wir aber normalerweise keinen
Zugang haben. Es ist fast schon eine "maskuline" Charaktereigenschaft,
ein schmutziges Geheimnis der weiblichen Seele.
Denken Sie, dass jede Frau dieselbe Entwicklung
wie Erica durchmachen könnte?
Jodie Foster: Unter bestimmten Voraussetzungen, ja. Ich hoffe allerdings,
dass ich nie dazu fähig sein werde, diese Grenze zu überschreiten.
Ich würde nie eine Waffe tragen und bin fest davon überzeugt,
dass sie Unrecht tut und mit ihrer Einstellung falsch liegt. Es
gibt viele solcher Fragen im Film, die an die Substanz unserer Werte
gehen: Wieso dürfen Menschen mit einigen Waffen, wie die der
Polizisten, getötet werden, während es andere gibt, mit
denen dieselbe Tat illegitim ist?
Wann haben Sie selbst schon einmal Angst
gehabt?
Jodie Foster: Privat habe ich nie groß Angst spüren oder
um jemanden trauern müssen. Doch beruflich scheint mich dieses
Phänomen zu verfolgen. Ich fühlte mich schon immer zu
Rollen hingezogen, die bedrohliche Situationen durchstehen und um
ihr Leben bangen müssen. Erst kürzlich habe ich eine Kinderkomödie
("Wie versteckt man eine Insel?", d. Red.) gedreht, in
der ich eine verrückte Schriftstellerin spiele, die ihr Haus
nicht verlässt, weil sie zu viel Angst hat. Dieses Gefühl
verfolgt mich im Beruf förmlich, und ich weiß nicht warum.
Welche Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen
"Die Fremde in mir" und "Taxi Driver", dem Filmporträt
New Yorks, das Ihnen den Durchbruch als Schauspielerin bescherte?
Jodie Foster: Unser Regisseur Neil Jordan würde seinen Film
natürlich nie selbst auf dieselbe Stufe mit einem der besten
Filme aller Zeiten stellen. Ich halte einen Vergleich für gar
nicht so abwegig: "Taxi Driver" entstand im New York nach
dem Vietnamkrieg, und nun geht es um das New York nach dem 11. September.
Es ist interessant, wie stark sich der Charakter der Stadt gewandelt
hat.
Aber es gibt immer noch Helden auf der
einen und Verbrecher auf der anderen Seite ...
Jodie Foster: Als ich jünger war, mochte ich nur Filme sehen,
in denen es klare Verhältnisse gab: schwarz oder weiß,
gut oder böse. So habe ich die Welt gesehen. Doch das Leben
hat mir gezeigt, dass es sehr viel mehr gibt als die beiden Extreme.
Mein Moralverständnis wurde viel komplexer, und ich stellte
erst kürzlich fest, wie sehr mich die ambivalenten Seiten an
Charakteren und an der gesellschaftlichen Moral interessieren.
Nehmen Sie sich deshalb so viel Zeit für
Ihren Leni-Riefenstahl-Film?
Jodie Foster: Vor allem bin ich einfach eine furchtbar langsame
Produzentin. Es ist ein schwieriges Thema, und ich möchte nichts
falsch machen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie wir Leni Riefenstahl
darstellen können. Außerdem soll es vor allem um die
Frage gehen, welche Verantwortung ein Künstler hat und was
das überhaupt heißt. Geht es um Gesetze? Riefenstahl
hat keine Bomben auf Häuser geworfen, war nicht in der nationalsozialistischen
Partei und nie persönlich mit Hitler liiert. Sie hat also keine
Gesetze gebrochen. Ist ein Künstler nur verantwortlich für
das, was er macht, wenn er gut darin ist? Würden wir über
sie reden, wenn sie nur Müll kreiert hätte? Auf meinem
Nachttisch liegen zwei neue Biografien über Leni Riefenstahl,
und ich kann es kaum abwarten, mit dem Lesen anzufangen.
Wann werden Sie wieder Regie führen?
Jodie Foster: Gerade musste ich ein Filmprojekt aufgeben, in dem
Robert de Niro die Hauptrolle spielen sollte. Wenn ein Schauspieler
zum Regisseur werden, aber seinen bisherigen Job nicht aufgeben
möchte, dann ist es nicht so einfach. Regie erfordert mehrere
Jahre kontinuierliche Arbeit an einem Projekt und ein hohes Maß
an Flexibilität. Dass ich eher einen kommerziellen Mainstream-Anspruch
an meine Projekte habe, natürlich mit einem sehr persönlichen
Touch, macht es nicht leichter, ein Projekt zum Laufen zu bringen.
Interview mit Jodie Foster von Leif Kramp
Quellen:
www.cineastentreff.de
unterhaltung.de.msn.com
www.monstersandcritics.de
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