Mit
27 Jahren hatte Jodie Foster bereits 30 Filme gedreht, mit 44 wundert
sie sich über die Bequemlichkeit der heutigen Jugend. Ein Gespräch
über ihr Leben als Kinderstar und Journalistin, über ihre
beiden Söhne und ihre Angst vor Waffen.
Was für eine Frau. Erst Kinderstar, dann Elitestudentin. Oscarpreisträgerin
und Sexsymbol. Schauspielerin, Regisseurin und Mutter - immer kontrolliert,
immer zielstrebig. In ihrem vorigen Film "Die Fremde in Dir"
verlor Jodie Foster nun vor der Kamera die Fassung - und wurde zur
Rächerin. Aber wie sieht es in der 44-Jährigen aus, wenn
die Kameras aus sind?
Gute Recherche! Als ich auf dem College war, habe ich unter anderem
für ein Interviewmagazin geschrieben. Beinahe mein ganzes Studium
habe ich mit den Honoraren finanziert. Ich wollte mir damals beweisen,
dass es auch noch eine Alternative zum Film gibt, von der ich leben
könnte.
Mein Gott. Jetzt muss mir etwas ganz Originelles einfallen ... (überlegt).
Wahrscheinlich hätte ich mich gefragt: Was hat dich bewegt, als
du diese Rolle angenommen hast? Was hat dich berührt?
Mich hat berührt, wie sich die Hauptdarstellerin nach und nach
in eine Art Monster verwandelt, weil ihr selbst Gewalt angetan wurde.
Obwohl sie eigentlich eine schöne Seele hat. Das ist mir sehr
nahegegangen.
Jodie Foster: Sie haben recht. Das kann man auch auf mein Leben übertragen,
Einsamkeit macht einen großen Teil meines Lebens aus. Deswegen
habe ich wahrscheinlich dieses Faible für einsame Charaktere.
Wenn ich Drehbücher bekomme, fange ich in der Regel an, Personen
aus dem Umfeld der Protagonistin zu "töten ...(lacht). Mutter?
Überflüssig. Ehemann? Muss nicht sein. Vielleicht kann ich
mich mit solchen Figuren, die ein großes soziales Umfeld haben,
einfach nicht identifizieren. Meine Figuren müssen Einzelgängerinnen
sein.
Ich war ein Filmkind und als einziges Kind in dieser Erwachsenenwelt
häufig sehr einsam. Dazu kommt, dass schauspielen ein seltsamer
Job ist. Wenn ich einen Film drehe, lebe ich vier Monate in dieser
eigenartigen Welt, die ich niemandem erklären kann. Das heißt
nicht, dass ich kein Sozialleben habe. Ich sitze nicht vor dem Spiegel,
starre mich an und denke, ich werde verrückt. Ich gehe auch aus
und trinke einen oder zwei Drinks mit anderen Menschen. Aber es bleibt
doch alles sehr an der Oberfläche. Letztendlich habe ich das
Gefühl, dass mich niemand versteht. Wie soll ich auch jemandem
erklären, wie es ist, um vier Uhr morgens in einem See aus Kunstblut
zu liegen? Irgendwie mag ich es aber auch, etwas zu besitzen, das
nur mir gehört und das ich mit niemandem teilen muss. Seltsam,
oder? Es hat schon etwas sehr Autistisches, als ob ich in einem Vakuum
lebe. Ich leide an der Einsamkeit, aber ich sehne mich auch danach.
Genau! Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne dieses Gefühl von
Einsamkeit etwas von Bedeutung schaffen sollte. Einsamkeit ist unglaublich
inspirierend.
(lacht) Das ist ein echtes Problem. Ein Beispiel: In 14 Tagen fange
ich an, einen neuen Film zu drehen. Und gerade war ich noch mit den
Kindern im Urlaub in Island. Trotzdem brauchte ich anschließend
dringend Erholung. Ich bin für zwei Tage ins Hotel gezogen -
in meiner eigenen Stadt! Aber zu Hause kann ich einfach keinen klaren
Gedanken mehr fassen. Das Telefon klingelt, es ist immer jemand da,
oder der Hund steht schwanzwedelnd vor mir. Es gibt ständig etwas
zu tun, oder ich muss mir Sorgen um irgendetwas machen.
Ob es mit gefällt oder nicht (lacht). Nein, ich liebe die Kinder
natürlich. Aber manchmal muss ich mich absetzen und mir Zeit
für mich nehmen. Ich bin eine sehr engagierte Mutter und mache
alles selbst: Ich bringe einen der beiden zum Arzt oder muss mir eine
Schulaufführung ansehen. Ich habe noch nie eine Schulaufführung
verpasst! Außerdem habe ich jedes einzelne Paar Schuhe selbst
mit ihnen gekauft. Es gibt nichts in ihrem Leben, woran ich nicht
Teil hatte. Aber ab und an setze ich mich für drei Tage nach
New York ab.
Nichts. Ich sitze einfach in meinem Apartment ... Oder ich putze ein
bisschen. Ich marschiere auch gern ein paar Blocks durch die Straßen.
Ich versuche dann wieder, dieses Vakuum zu produzieren und mich einsam
zu fühlen.
Das ist lange her, und ich habe es inzwischen verarbeitet. Aber es
war nicht einfach. Eine Zeit lang litt ich unter einer ernsthaften
Blitzlichtphobie, weil ich unterbewusst dachte, es wird geschossen.
Bei jedem Blitzlicht fing ich an, zu schwitzen und hyperventilieren.
Ich konnte nicht mehr atmen. Eine ziemlich unpraktische Phobie für
einen Filmstar, oder? (lacht) Aber das ist ein weiteres bestimmendes
Thema in meinem Leben: Angst. Deswegen kommt sie auch so häufig
in meinen Filmen vor.
Um Himmels willen, nein!
Heute nicht mehr. Aber ich hatte tatsächlich mal eine Handfeuerwaffe,
als ich 25 Jahre alt war. Es war eine sehr spezielle Waffe, mit der
ich für einen Film trainieren musste. Diese Dinger werden heute
gar nicht mehr hergestellt, glaube ich. Ich musste lernen, sie möglichst
schnell zu laden, und habe damit am Schießstand trainiert. Und
anschließend habe ich sie dann behalten. Ich weiß auch
nicht mehr warum. Ich war jung und unvernünftig. Aber ich fand
es unheimlich, so etwas im Hause zu haben. Ich hatte Angst, mitten
in der Nacht aufzuwachen, ein Geräusch zu hören und aus
Versehen meinen Hund zu erschießen. Also bin ich mit einem Zeugen
zur nächsten Polizeiwache gefahren, habe ein Formular unterschrieben
und die Waffe abgegeben.
Ich war viel zu diszipliniert, um abzustürzen. Ich habe schon
als Kind meine Flüge selbst gebucht. Es ist merkwürdig,
aber manchmal erwarte ich dieses Engagement, auch von meinen Söhnen
oder von meinen Neffen und Nichten. Die sind Anfang 20 und arbeiten
nicht. Dann denke ich an mich in dieser Phase meines Lebens und denke:
Nun strengt euch an und seht mal zu, dass ihr einen verdammten Job
bekommt. Als ich 27 war, hatte ich 30 Filme gedreht, leitete eine
Produktionsfirma und führte zum ersten Mal Regie. Mein Assistent
heute ist bereits 30, kümmert sich um meine Flugreservierungen,
will aber eigentlich Regisseur werden. Das kann ich nur schwer nachvollziehen.
Ich denke immer, der sollte langsam mal loslegen.
Ich bereue, dass ich zwischen 13 und 17 Jahren vor der Kamera gestanden
habe. Das ist ohnehin eine schwierige Zeit im Leben eines Menschen.
Und das Erwachsenwerden wird nicht gerade einfacher, wenn es vor den
Augen der Öffentlichkeit passiert. Ich hätte gern eine Pubertät
ohne das Kino gehabt. Kinder sollten nicht arbeiten, wenn sie in der
Pubertät sind. Das war hart für mich. Mein Körper veränderte
sich. Ich fand mich dick, seltsam und hatte diesen Druck, erfolgreich
zu sein, weil jeder wollte, dass ich eine Art Britney Spears werde.
Dafür war ich nie geschaffen. Aber damals habe ich das nicht
begriffen. Ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht, weil ich nicht
den allgemeinen Erwartungen entsprach.
Er war nie da, deswegen konnte ich ihn nicht vermissen. Man könnte
meinen, dass ich Männer deswegen hasse. Aber ganz im Gegenteil,
die Beziehungen mit dem größten Konfliktpotenzial habe
ich mit Frauen. Und daran ist eindeutig meine Mutter schuld. Unsere
ganze Beziehung war so kompliziert. Da ist es angenehmer, Mutter von
zwei Jungs zu sein. Alles ist in gewisser Weise so herrlich simpel.
Es geht immer um Dinge wie "Hör auf, deinen Bruder zu treten"
und nicht um "Ich werde dieses Kleid tragen, ob es dir passt
oder nicht". Die Dramen, die sich zwischen Mutter und Tochter
abspielen, sind sehr bizarr. Ich glaube, für eine Tochter wäre
ich eine schreckliche Mutter. Irgendjemand ist da oben eingeschritten
und hat dafür gesorgt, dass es Jungs werden.
Quelle:
www.welt.de
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