Jodie Foster im Gespräch mit
Christian Aust (welt.de) - 14.10.2007

"Ich leide an der Einsamkeit"
The Brave One
Jodie Foster
 
Interview mit Jodie Foster
 

Mit 27 Jahren hatte Jodie Foster bereits 30 Filme gedreht, mit 44 wundert sie sich über die Bequemlichkeit der heutigen Jugend. Ein Gespräch über ihr Leben als Kinderstar und Journalistin, über ihre beiden Söhne und ihre Angst vor Waffen.

Was für eine Frau. Erst Kinderstar, dann Elitestudentin. Oscarpreisträgerin und Sexsymbol. Schauspielerin, Regisseurin und Mutter - immer kontrolliert, immer zielstrebig. In ihrem vorigen Film "Die Fremde in Dir" verlor Jodie Foster nun vor der Kamera die Fassung - und wurde zur Rächerin. Aber wie sieht es in der 44-Jährigen aus, wenn die Kameras aus sind?

Gute Recherche! Als ich auf dem College war, habe ich unter anderem für ein Interviewmagazin geschrieben. Beinahe mein ganzes Studium habe ich mit den Honoraren finanziert. Ich wollte mir damals beweisen, dass es auch noch eine Alternative zum Film gibt, von der ich leben könnte.
Mein Gott. Jetzt muss mir etwas ganz Originelles einfallen ... (überlegt). Wahrscheinlich hätte ich mich gefragt: Was hat dich bewegt, als du diese Rolle angenommen hast? Was hat dich berührt?

Mich hat berührt, wie sich die Hauptdarstellerin nach und nach in eine Art Monster verwandelt, weil ihr selbst Gewalt angetan wurde. Obwohl sie eigentlich eine schöne Seele hat. Das ist mir sehr nahegegangen.

Jodie Foster: Sie haben recht. Das kann man auch auf mein Leben übertragen, Einsamkeit macht einen großen Teil meines Lebens aus. Deswegen habe ich wahrscheinlich dieses Faible für einsame Charaktere. Wenn ich Drehbücher bekomme, fange ich in der Regel an, Personen aus dem Umfeld der Protagonistin zu "töten ...(lacht). Mutter? Überflüssig. Ehemann? Muss nicht sein. Vielleicht kann ich mich mit solchen Figuren, die ein großes soziales Umfeld haben, einfach nicht identifizieren. Meine Figuren müssen Einzelgängerinnen sein.

Ich war ein Filmkind und als einziges Kind in dieser Erwachsenenwelt häufig sehr einsam. Dazu kommt, dass schauspielen ein seltsamer Job ist. Wenn ich einen Film drehe, lebe ich vier Monate in dieser eigenartigen Welt, die ich niemandem erklären kann. Das heißt nicht, dass ich kein Sozialleben habe. Ich sitze nicht vor dem Spiegel, starre mich an und denke, ich werde verrückt. Ich gehe auch aus und trinke einen oder zwei Drinks mit anderen Menschen. Aber es bleibt doch alles sehr an der Oberfläche. Letztendlich habe ich das Gefühl, dass mich niemand versteht. Wie soll ich auch jemandem erklären, wie es ist, um vier Uhr morgens in einem See aus Kunstblut zu liegen? Irgendwie mag ich es aber auch, etwas zu besitzen, das nur mir gehört und das ich mit niemandem teilen muss. Seltsam, oder? Es hat schon etwas sehr Autistisches, als ob ich in einem Vakuum lebe. Ich leide an der Einsamkeit, aber ich sehne mich auch danach.

Genau! Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne dieses Gefühl von Einsamkeit etwas von Bedeutung schaffen sollte. Einsamkeit ist unglaublich inspirierend.

(lacht) Das ist ein echtes Problem. Ein Beispiel: In 14 Tagen fange ich an, einen neuen Film zu drehen. Und gerade war ich noch mit den Kindern im Urlaub in Island. Trotzdem brauchte ich anschließend dringend Erholung. Ich bin für zwei Tage ins Hotel gezogen - in meiner eigenen Stadt! Aber zu Hause kann ich einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Telefon klingelt, es ist immer jemand da, oder der Hund steht schwanzwedelnd vor mir. Es gibt ständig etwas zu tun, oder ich muss mir Sorgen um irgendetwas machen.

Ob es mit gefällt oder nicht (lacht). Nein, ich liebe die Kinder natürlich. Aber manchmal muss ich mich absetzen und mir Zeit für mich nehmen. Ich bin eine sehr engagierte Mutter und mache alles selbst: Ich bringe einen der beiden zum Arzt oder muss mir eine Schulaufführung ansehen. Ich habe noch nie eine Schulaufführung verpasst! Außerdem habe ich jedes einzelne Paar Schuhe selbst mit ihnen gekauft. Es gibt nichts in ihrem Leben, woran ich nicht Teil hatte. Aber ab und an setze ich mich für drei Tage nach New York ab.

Nichts. Ich sitze einfach in meinem Apartment ... Oder ich putze ein bisschen. Ich marschiere auch gern ein paar Blocks durch die Straßen. Ich versuche dann wieder, dieses Vakuum zu produzieren und mich einsam zu fühlen.

Das ist lange her, und ich habe es inzwischen verarbeitet. Aber es war nicht einfach. Eine Zeit lang litt ich unter einer ernsthaften Blitzlichtphobie, weil ich unterbewusst dachte, es wird geschossen. Bei jedem Blitzlicht fing ich an, zu schwitzen und hyperventilieren. Ich konnte nicht mehr atmen. Eine ziemlich unpraktische Phobie für einen Filmstar, oder? (lacht) Aber das ist ein weiteres bestimmendes Thema in meinem Leben: Angst. Deswegen kommt sie auch so häufig in meinen Filmen vor.

Um Himmels willen, nein!

Heute nicht mehr. Aber ich hatte tatsächlich mal eine Handfeuerwaffe, als ich 25 Jahre alt war. Es war eine sehr spezielle Waffe, mit der ich für einen Film trainieren musste. Diese Dinger werden heute gar nicht mehr hergestellt, glaube ich. Ich musste lernen, sie möglichst schnell zu laden, und habe damit am Schießstand trainiert. Und anschließend habe ich sie dann behalten. Ich weiß auch nicht mehr warum. Ich war jung und unvernünftig. Aber ich fand es unheimlich, so etwas im Hause zu haben. Ich hatte Angst, mitten in der Nacht aufzuwachen, ein Geräusch zu hören und aus Versehen meinen Hund zu erschießen. Also bin ich mit einem Zeugen zur nächsten Polizeiwache gefahren, habe ein Formular unterschrieben und die Waffe abgegeben.

Ich war viel zu diszipliniert, um abzustürzen. Ich habe schon als Kind meine Flüge selbst gebucht. Es ist merkwürdig, aber manchmal erwarte ich dieses Engagement, auch von meinen Söhnen oder von meinen Neffen und Nichten. Die sind Anfang 20 und arbeiten nicht. Dann denke ich an mich in dieser Phase meines Lebens und denke: Nun strengt euch an und seht mal zu, dass ihr einen verdammten Job bekommt. Als ich 27 war, hatte ich 30 Filme gedreht, leitete eine Produktionsfirma und führte zum ersten Mal Regie. Mein Assistent heute ist bereits 30, kümmert sich um meine Flugreservierungen, will aber eigentlich Regisseur werden. Das kann ich nur schwer nachvollziehen. Ich denke immer, der sollte langsam mal loslegen.
Ich bereue, dass ich zwischen 13 und 17 Jahren vor der Kamera gestanden habe. Das ist ohnehin eine schwierige Zeit im Leben eines Menschen. Und das Erwachsenwerden wird nicht gerade einfacher, wenn es vor den Augen der Öffentlichkeit passiert. Ich hätte gern eine Pubertät ohne das Kino gehabt. Kinder sollten nicht arbeiten, wenn sie in der Pubertät sind. Das war hart für mich. Mein Körper veränderte sich. Ich fand mich dick, seltsam und hatte diesen Druck, erfolgreich zu sein, weil jeder wollte, dass ich eine Art Britney Spears werde. Dafür war ich nie geschaffen. Aber damals habe ich das nicht begriffen. Ich dachte, mit mir stimmt etwas nicht, weil ich nicht den allgemeinen Erwartungen entsprach.

Er war nie da, deswegen konnte ich ihn nicht vermissen. Man könnte meinen, dass ich Männer deswegen hasse. Aber ganz im Gegenteil, die Beziehungen mit dem größten Konfliktpotenzial habe ich mit Frauen. Und daran ist eindeutig meine Mutter schuld. Unsere ganze Beziehung war so kompliziert. Da ist es angenehmer, Mutter von zwei Jungs zu sein. Alles ist in gewisser Weise so herrlich simpel. Es geht immer um Dinge wie "Hör auf, deinen Bruder zu treten" und nicht um "Ich werde dieses Kleid tragen, ob es dir passt oder nicht". Die Dramen, die sich zwischen Mutter und Tochter abspielen, sind sehr bizarr. Ich glaube, für eine Tochter wäre ich eine schreckliche Mutter. Irgendjemand ist da oben eingeschritten und hat dafür gesorgt, dass es Jungs werden.

Quelle:
www.welt.de
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