Jodie Foster spielt in
"Flightplan" wieder die beherzte Thriller-Mutti. Dem "schaufenster"
gab sie ein sehr persönliches Interview über die Erziehungsqualitäten
ihrer Mutter, über ihre eigene Vorbildwirkung und ihren geheimen
Wunsch, ein Ski fahrender Gammler zu werden.
SCHAUFENSTER: Haben Sie jemals selbst
als Mutter erlebt, dass Ihr Kind einfach verschwunden ist?
JODIE FOSTER: Ja, in einem Vergnügungspark.
Ich sah ihn durch eine Menschenmenge hindurch, ich konnte sein blondes
Haar sehen, er drehte sich um, weinte nach mir, es war herzzerbrechend.
Es ist einfach eine Panik, nicht zu wissen, ob dein Leben jemals
wieder dasselbe sein wird.
SCHAUFENSTER: Jetzt, wo Sie selbst Kinder haben,
spielen Sie die Mutter-Rolle anders?
JODIE FOSTER: Ich hatte vorher schon Mütter
gespielt, bevor ich selbst Mutter war und ich fühle mich offensichtlich
davon angezogen. Ja, ich denke, es ist anders, ich glaube, dass
zum Beispiel diese Geschichte hier für eine Mutter fast eine
ursprüngliche Qualität entwickelt. Es ist schwierig zu
erklären: Wenn du nicht mehr unterscheiden kannst zwischen
dir selbst und dem Körper deiner Kinder, wenn du einfach nicht
weißt, wo du aufhörst und sie anfangen. Du spürst
dieses „Autsch!“- Gefühl. Ich hatte gebrochene
Knochen und habe mir meinen Schädel angeschlagen und ich habe
es einfach weggesteckt. Ich erlaube mir selbst nicht, Schmerz zu
fühlen, aber wenn meinen Kindern etwas geschieht, ist es, als
steche man mir ein Messer durch mein Herz.
SCHAUFENSTER: Was war der beste Ratschlag, den Ihnen
Ihre Mutter bezüglich Erziehung gegeben hat?
JODIE FOSTER: Also, hm ... Wie wäre es mit
„das Gegenteil von dem, was ich getan habe“? Ich glaube,
dass sie eine wirklich großartige Sache für uns alle
getan hat. Wann immer einer von uns Interesse an irgendetwas gezeigt
hat, bemühte sie sich, dieses Interesse zu fördern. Meine
Schwester, die eine wirklich großartige Künstlerin ist,
liebte es, auf allen möglichen Dingen zu zeichnen und aus allem
Skulpturen zu bauen und meine Mutter fuhr mit ihr in jedes mögliche
Museum. Ich erinnere mich daran, dass sie mich in französische
und deutsche Filme schleppte. Dann tat sie so, als hätte sie
den Film nicht verstanden – obwohl sie ganz offensichtlich
log –, damit ich ihr den Inhalt erklären musste. Kindern
zu erlauben, sich von dir zu unterscheiden, das ist das Wichtigste.
SCHAUFENSTER: Was mögen denn Ihre Kinder, was
Sie selbst nicht mögen?
JODIE FOSTER: Computer. Es ist einfach erschreckend,
mein Sohn kann nicht mal lesen, aber er kann den Computer reparieren,
wenn er kaputt geht. Computer – es ist wirklich erstaunlich:
Ich habe überhaupt kein Temperament, aber ich könnte mindestens
zweimal täglich diesen Computer durch ein Fenster werfen. Computer
frustrieren mich enorm.
SCHAUFENSTER: Sie haben ihre Karriere unterbrochen,
um in Yale zu studieren. Wenn junge Schauspielerinnen wie Claire
Danes zur Uni gehen, nennen sie immer Sie als Vorbild. Fühlen
Sie sich dabei alt oder eher stolz?
JODIE FOSTER: Es macht mich definitiv stolz. Claire
hatte ihre Momente des Zweifels. Ich glaube, sie hatte eine gesunde
Angst, das Gefühl: „Wenn ich nicht in einem Film mitspiele,
werden mich die Leute vergessen“. Aber Claire ist eine der
großartigsten Schauspielerinnen in Amerika. Wenn sie den Oscar
nicht in diesem Jahr bekommt, spielt sie eben in fünf Jahren
im nächsten Film und gewinnt. Was spielt es für eine Rolle,
ob sie nun zwanzig oder Mitte zwanzig ist?
SCHAUFENSTER: Wenn Sie auf Ihre eigenen Zwanziger
zurückblicken, gibt es etwas, was Sie bereuen?
JODIE FOSTER: Nein, nicht wirklich. Es war alles
ziemlich gut (lacht). Ich bereue, dass ich nicht mehr davon hatte.
Ja, mehr Zwanziger, das wäre gut gewesen.
SCHAUFENSTER: Bereuen Sie nicht, so viel gearbeitet
zu haben?
JODIE FOSTER: Es gibt Dinge, die ich nie getan habe
und die ich gerne erlebt hätte. Ich wäre gerne einer dieser
Ski-Fanatiker gewesen. Einer, der sich ein Jahr frei nimmt, um wirklich
auf der Piste zu leben und keine Sorgen zu haben, Mitbewohner zu
haben – all das konnte ich nie machen. Es wäre schön
gewesen, einmal ohne Verantwortung zu leben. Ich kann mich an keinen
Augenblick in meinem Leben erinnern, an dem ich das hatte.
SCHAUFENSTER: Weil Sie schon als Kind die Familie
erhielten?
JODIE FOSTER: Das zum einen und das alles hat mich
zu einer ängstlichen und verantwortungsvollen Persönlichkeit
gemacht.
SCHAUFENSTER: Was sagen Sie heute zu Taxi Driver
– und Schauspielerinnen, die den Film sehnsuchtsvoll ansehen?
JODIE FOSTER: Was für ein großartiger
Film, was war das für ein Glück! Auf gewisse Weise setzte
der Film mich auf den Pfad der dramatischen Schauspielerin und als
ich damit erst mal anfing, blieb ich auf diesem Pfad. Was wirklich
ein Glück ist, besonders für eine Jungschauspielerin.
SCHAUFENSTER: Als Sie am Anfang Ihrer Karriere standen,
gab es nicht viele Heldinnen, kaum starke Charaktere, die Sie spielen
konnten. Wie sehen Sie das heute?
JODIE FOSTER: Die Realität hat die Filme endlich
eingeholt, denke ich. Aber das lag wohl auch an einigen Filmen selbst,
die diese Realität mitgeschaffen haben. Und ich glaube, dass
das Schweigen der Lämmer einer dieser Filme war. Du hattest
die archetypische Geschichte, das war wirklich traditionelle Mythologie.
Ein Junge wandert in den Wald, mit dem Ziel, seiner Gemeinschaft
zu helfen und trifft auf Dämonen und Gnome, das alte Zeug.
Aber Frauen waren da nie erlaubt. Ich denke, das hat sich verändert.
Und nicht nur dank meiner Filme, sondern auch durch Thelma &
Louise und viele andere.
SCHAUFENSTER: Werden Sie wieder einmal Regie führen?
JODIE FOSTER: Ich hoffe es, ich arbeite gerade an
einem Projekt. Es handelt von den zugewanderten Zuckerarbeitern
in Florida. Ich werde mit Robert de Niro spielen. Das Projekt heißt
Sugarland.
SCHAUFENSTER: Ist Ihren Kindern bewusst, dass ihre
Mutter eine bekannte Hollywood-Schauspielerin ist?
JODIE FOSTER: Momentan ist es ein bisschen
komisch, weil meine Poster überall hängen und mein Ältester
ist endlich alt genug, um sich daran zu erinnern. Aber der Kleine
vergisst, dass er die Poster gesehen hat. Mein Ältester erinnert
sich noch an Panic Room und ich denke, er mag es, aber es nervt
ihn, dass er den Film nicht sehen kann.
VON SARAH VIANNEY (Schaufenster) 21.10.2005
Quelle: www.diepresse.com
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