"Wie
wird man eigentlich Synchronsprecherin, Frau Jochmann?"
Die Schauspielerin Hansi Jochmann ist seit über 28 Jahren die
deutsche Synchronstimme von Jodie Foster. Sie gehört zu den renommiertesten
Vertretern einer Zunft, die sie selber nur ungern als echten Beruf
bezeichnet - und das, obwohl Jodie Fosters Mutter über die 51jährige
Berlinerin sagt: „Sie ist die beste Stimme, die ich je auf meiner
Tochter gehört habe." Ein Übersetzer,
häufig ein Sprachstudent, bekommt zum Beispiel das englische
Drehbuch für das „Schweigen der Lämmer". Oft
ohne sich den dazugehörigen Film anzusehen, macht der eine
erste, grobe, deutsche Übersetzung. Dann schickt er die Fassung
weiter zu einem Autor. Der setzt sich nun mit dem übersetzten
Text vor seinen Videorekorder. Am besten einen, bei dem man einzelne
Szenen minimal vor- und zurückspulen kann. Nun geht es an die
Feinarbeit. Jodie Foster benutzt zum Beispiel das englische Wort
„meter" und gemeint wäre ein Zähler, etwa für
Gas. Doch würde man es so übersetzen, fiele es dem Zuschauer
sofort auf: Beim „Me" von „meter" hat Jodie
Foster den Mund geschlossen, man hört aber den Laut „Zä",
bei dem der Mund offen sein müßte. Der Autor muß
also ein neues Wort finden, ein passendes. Davon, wie gut ihm das
gelingt, hängt meine Arbeit des Synchronsprechens ab.
Ein echter Beruf ist das in meinen Augen übrigens
nicht. Eher ein Job, der ausgeübt wird, mal besser und mal
schlechter, mehr nicht. Heute gilt das noch viel eher als früher.
Und dabei denke ich nicht einmal an diese gruseligen Werbesendungen,
bei denen sich die Macher gar nicht erst die Mühe machen, Gehörtes
und Lippenbewegung der Televerkäufer in Einklang zu bringen.
Oder an Walt-Disney-Filme, in denen einzelne Figuren aus Marketinggründen
von Dirk Bach gesprochen werden. Nein, als ich vor über 40
Jahren anfing, wurde das Synchronsprechen fast ausschließlich
von Schauspielern ausgeübt - sinnvollerweise. Und würde
man Synchronsprechen als echten Beruf begreifen wollen, müßte
eine Ausbildung her, die schauspielerische Elemente beinhaltet.
„Gutes Synchronisieren ist auch eine Frage
der Intelligenz.”
Meine beiden Eltern waren von Beruf Schauspieler.
Deshalb ging ich häufig schon als kleines Mädchen mit
zu Proben. Einmal, ich war sechs, half mein Vater, einen Schwarzweißfilm
zu synchronisieren. In einer Szene tauchte ein kleines Mädchen
auf. Erst wußte der Regisseur nicht, was er machen sollte,
er hat die Figur schlicht vergessen. Dann sagt er zu meinem Vater:
„Komm, laß mal deine Tochter machen." Dabei konnte
ich nicht mal lesen! Die Cutterin, die für die perfekte Synchronisation
zuständig war, las mir deshalb den Text vor, dann klopfte sie
mir beim Einsatz auf den Rücken. Und zwar genau so, daß
ich - die Schrecksekunde miteingerechnet - im richtigen Moment zu
sprechen anfing.
Ein wichtiger Punkt bei dem, was ein guter Synchronsprecher
können muß, ist, den richtigen Einsatz zu finden. Zwar
kann man heute mit digitalen Aufnahmen Worte „ziehen"
oder „nach hinten schieben", dennoch ist eine gute Reaktionsfähigkeit
nach wie vor wichtig. Dazu kommt - neben der von der Natur mitgegebenen
Stimme - das Talent, schon am Anfang eines gelesenen Satzes zu spüren,
wie er endet. Und, natürlich, immer wieder schauspielerisches
Talent.
Nach meinem ersten Einsatz als kleines Mädchen
bekam ich sehr häufig Aufträge. Erst mußte ich kleine
Mädchen, dann Teenager und anschließend junge Erwachsene
synchronisieren. Als mich der Regisseur, der die Synchronisation
von „Taxi Driver" betreute, fragte, ob ich die 14jährige
Jodie Foster sprechen könnte, sagte ich ihm, er solle sich
bitte nicht lächerlich machen - ich war ja schon 23! Doch er
sagte, er habe zuvor ein gleichaltriges Mädchen im Studio gehabt.
Deren Stimme sei für die selbstbewußt und tough spielende
Jodie Foster zu piepsig. Die anschließende Zusammenarbeit
funktionierte perfekt. Und spätestens ab „Schweigen der
Lämmer" war klar, die Jochmann ist die deutsche Stimme
von Jodie Foster.
Mein Anspruch dabei ist es, kein Papagei zu sein,
sondern die Rolle so auszufüllen, daß der Zuschauer später
denkt: Jodie Foster spricht von Geburt an deutsch. Dafür muß
ich verstehen, wie sie denkt. Ich muß jede Gestik, jede Mimik
von ihr bis ins letzte Detail kennen. Und das bei einer Frau, die
die Gabe hat, jedem zu vermitteln, was sie denkt, auch wenn sie
gar nichts sagt. Meine Überzeugung ist: Nur wenn der Schauspieler,
die Person, die er spielt, wirklich versteht, kann er sie gut spielen.
Und nur wer den Schauspieler und die Art, wie er andere Menschen
inszeniert, begreift, kann sie auch gut synchronisieren. Gutes Synchronisieren
ist also auch eine Frage der Intelligenz.
„Mein Anspruch dabei ist es, kein Papagei
zu sein, sondern die Rolle so auszufüllen, daß der Zuschauer
später denkt: Jodie Foster spricht von Geburt an deutsch.”
Trotzdem oder gerade weil ich eine solche Monopolstellung
für die Besetzung von Jodie Foster habe, werde ich alle sieben
Jahren von der Verleihfirma auf meine Sprechertätigkeit geprüft.
Viele Verleiher versuchen heute - und das meine ich auch, wenn ich
vom „Verfall der Branche" spreche - die Synchronisation
möglichst schnell und möglichst günstig zu bekommen.
Und die Stars der Branche können natürlich mehr als die
üblichen 250 Euro bei 80 Takes, das sind die Einheiten beim
Synchronisieren, pro Tag verlangen. Doch noch ist es so, daß
die großen Hollywoodschauspieler eine feste, deutsche Synchronstimme
besitzen - eine merkwürdige Ausnahme bildet nur Dustin Hoffmann:
Der wurde in unterschiedlichen Filmen von unterschiedlich prominenten
Synchronstimmen gesprochen: von Otto Sander beispielsweise oder
in „Rainman" von Joachim Tennstedt, der spricht sonst
Kevin Costner.
Als 1988 die Premiere von dem Film „Angeklagt"
war, bekam ich einen Anruf von Jodie Fosters Agentin. Die sagte:
„Frau Foster ist jetzt im Berliner Hotel Interconti, wollen
Sie sie treffen?" Natürlich wollte ich, aber ich war aufgeregt
wie ein kleines Kind. Es wurde ein sehr angenehmes Gespräch,
und ob es bei diesem Treffen war oder bei einem zweiten in Hamburg,
ich bekam hier jedenfalls ein sehr nettes Kompliment zu hören:
„Jodie Fosters Mutter hat gesagt, Sie seien weltweit die beste
Stimme auf ihrer Tochter." Egal ob es stimmt, ich habe mich
natürlich sehr gefreut. Und eigentlich wäre es einmal
spannend, sich die anderen Synchronstimmen anzuhören - die
italienische oder die spanische, auf französisch spricht sich
Jodie Foster selbst.
Ich habe meine Stimme übrigens nicht versichert
und gönne ihr auch keine besondere Pflege: Mit dem Rauchen
habe ich vor zehn Jahren nicht wegen ihr aufgehört, sondern
weil meine Kinder so genervt waren. Und außerdem müßte
ich ja dann auch mein Äußeres versichern, denn im Hauptberuf
bin ich noch immer Schauspielerin. Gerade drehe ich an der ARD-Serie
„Pfarrer Braun" mit Ottfried Fischer.
Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: Privat
aus: www.faz.net
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